Wer glaubt, ein Omelette sei nichts weiter als ein paar verrührte, gebratene Eier, ist wie jemand, der der Meinung ist, Malewitsch's schwarzes Quadrat auf weißem Grund, sei nichts weiter als ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund. Doch damit greife ich ohnehin viel zu kurz. Wenn vom Omelette die Rede ist, muß man von vorne anfangen. Auch wenn die Archäologen bis jetzt noch keinen überzeugenden Beweis dafür erbracht haben, so bin ich dennoch von der Tatsache überzeugt, dass die Tradition des Omelettes bis in die Jungsteinzeit zurückreicht. Mit der Domestizierung der Tiere standen erstmals Eier in größeren Mengen zur Verfügung. Damit war die Voraussetzung für eine systematische und planvolle Auseinandersetzung mit den möglichkeiten der Eierzubereitung gegeben. Genausowenig wie man durch zufälliges Herumprobieren aus Erz Metall gewinnen konnte, genausowenig ist das Omelette Ergebnis planlosen herumkochens. Wenn der Beginn der Wissenschaften und Künste in den ersten handwerklichen Fähigkeiten und Erfindungen anzusetzen ist, dann sind diese handwerklichen Fähigkeiten ihrerseits aus der Kunst des Kochens hervorgegangen. Die Küche ist somit die eigentliche Geburtsstätte von Kunst und Wissenschaft. In der Küche brannte das erste Feuer, dort brodelte der erste Eintopf, dort entfaltete sich als erstes das kreative Potential des Menschen. Die Küche verfeinerte die Wahrnehmung des Menschen, schärfte seine Sinne, erfand neue Geschmäcker und zog aus all dem Lust, Genuss und Erkenntis. Bevor man sich also fragt, "was ist Kunst?", muss man sich fragen, "was ist ein Omelette?" das Omelette ist nicht einfach ein bestimmtes Stück Speise. Das ist es zwar auch, doch zunächst ist das Omelette Ergebnis eines langen, höchst komplexen Prozesses. Dieser Prozess, aus dem das Omelette hervorgeht, ist nichts weniger als die Tradition der gesamten Küchen. Das Omelette als Gattung wie als Individuum ist nur zu verstehen, wenn man das Omeletteindividuum und die Omelettegattung als Produkt des unaufhörlich dahinfließenden Stromes des gesamten Kochgeschehens versteht. Wie sollte man sich ein Omeletteindividuum ohne die gesamte Küchentradition denken? Es ist schlicht undenkbar. Es hätte keinerlei Bedeutung und es wäre – auch davon bin ich überzeugt – auch nicht essbar. Nur weil gekocht wird, haben einzelne Speisen Bedeutung und Geschmack, genauso wie jedes Wort nur im Satzzusammenhang und jeder Satz nur im Kontext und jeder Kontext nur in einer kulturellen Tradition Bedeutung hat. Wenn uns also Speisen schmecken und uns Kunstwerke etwas sagen, dann geschieht dies, weil das Geschmeckte, das Gesehene oder das Gesagte in einem weit verzweigten Geflecht von assoziativen Beziehungen zur Tradition steht. Das Omelette ansich ist uns unerfahrbar, könnte man frei nach Kant behaupten. Wenn sich allerdings der Hunger meldet, hilft nur das Omeletteindividuum nicht ansich. Doch leider fehlen im Kühlschrank schon wieder die Eier. Also ein anderes köstliches Schnellgericht:

Improvisation Nr. 3, mit Dorschfilet, Reis und Gemüse

Was ist da? Dorschfilet, Reis, etwas Gemüse. Ich koche den Reis und gebe gegen Ende der Garzeit Erbsen dazu. Karotten und Fenchel in dünne Streifen schneiden (das Grünzeug vom Fenchel mitverwenden), Champignon dünnblättrig schneiden, eine Birne in kleine Stücke schneiden. Karotten, Fenchel, Birne und Champignon in Olivenöl kurz anbraten, mit etwas Zitronensaft löschen, mit Wasser aufgießen. Den Sud mit Fond oder etwas biologischem Suppenextrakt würzen, wenig Kreuzkümmel und Salz dazu, den Sud etwas köcheln lassen, dann einen Dampfeinsatz über dem Gemüsesud einsetzen und die Fischfilets bei zugedeckter Pfanne kurz gar dünsten. Die Fischfilets vorher entweder leicht salzen oder mit Sojasoße* beträufeln und etwas Zitronensaft darüber geben. Erbsenreis und Fischfilets auf einem Teller anrichten, darüber den Gemüsesud, fertig.

Improvisation Nr. 4, eine wunderbare Basis à la Asia

Gestiftelte Karotten und Zwiebeln leicht anbräunen, fein geschnittenen Chinakohl dazu, mit Sojasoße* ablöschen, Mirin*, dunkles Miso*, Chayenne und zerdrückten Kreuzkümmel dazugeben, fein gestiftelte Zitronenschalen dazu, bis zur gewünschten Konsistenz leicht köcheln lassen; passt gut zu Reis.



Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (+1724 +1804) veröffentlicht 1781 sein wohl berühmtestes Werk die "Kritik der reinen Vernuft", in dem er die verstandesmäßigen Voraussetzungen jeder möglichen Erfahrung systematisch darlegt. Das ding an sich ist deshalb für den Menschen nicht erfahrbar, eben auf Grund dieser Voraussetzungen. Diese Unterscheidung zwischen empirischem Datenmaterial und verstandesmäßiger Organisation sowie deren Systematisierung beeinflußte entscheidend die Entwicklung der Naturwissenschaften.


Epilog: fett

Der gute Geschmack ist fett. Wer vom Fett nichts versteht, der versteht auch nichts von der Kunst. Haben wir nicht alle unser Kunstfett abbekommen und haben wir nicht erst dadurch die Kunst lieben gelernt? Die Kunst ist fett und alle schönheit ist Fett. Der Glaube an das Fett macht uns stark, in einer dürren Zeit, in der die Gesundheitsapostel und Wellnesshysteriker, die  Kunstverwalter und Kunstbürokraten  den mageren Ton angeben. Sowohl beim Essen wie in der Kunst will heute keiner mehr vom Fett etwas wissen. Keiner will sich mehr die finger mit der Arbeit am Material dreckig machen. Lieber wird in steril verpackten, geschmacksneutralen und vakuumversiegelten Theoriehäppchen herumgestochert. Mit 0% Fett wird heute Werbung für ein anscheinend besseres Leben gemacht. Das ist das dreiste Diktum einer paranoid gewordenen Konsumvertrottelung. Der Gipfel an Geschmacklosigkeit! Um wieder auf den soliden Boden des guten Geschmackes herunter zu kommen, hier ein kurzes Loblied auf 100% Fett.
Fett ist gesund, schön, reich, kunstvoll, schmackhaft, herzlich und gern. Ein fetter Gedanke trieft von den schmalzigen Fingern aufs druckfeuchte Papier, auf dass sich dieser Gedanke in seiner ganzen Anmut erhalte. Gedankenfett, du Balsam für die ausgedörrte Seele, du machst uns geschmeidig und biegsam. Durch dich rollt das Rad in der Nabe, dreht sich das Gelenk, schwingt die Tür, rotiert die Scheibe. Ohne dich keine Bewegung, sondern knarrende, krächzende Mühsal. Oh geliebtes Fett, von allen Bäumen rinnst du wie Nektar von den Blüten der werdenden Frucht im Frühling. Die Bienen sind verrückt nach dir und die Bären lassen nicht ab von dir, bis der kalte Schnee den fetten Zeiten ein vorübergehendes Ende bereitet. Das Fett, das nicht nur die Maden im Speck so lieben, sondern auch die Götter, denen der listige Promethéus einen Haufen Knochen unter einer schön glänzenden Schicht aus Fett anzudrehen versuchte. Fett, Fett, Fett wohin das Auge reicht, das Ohr lauscht, die Nase riecht, der Gaumen schmeckt, die Haut fühlt und der Kopf denkt. Wer könnte da widerstehen?

Das Öl: das edelste Fett. Das Fett der Pflanzen. Das heilsame und verdickte Konzentrat der vegetabilen Nahrung, der Keimlinge, der Samen und Körner. Die gesunden Kreter trinken das Öl der Oliven literweise. Die ganze mediterane Küche schwimmt im Olivenöl und die schönen Frauen baden darin, um sich geschmeidig für die Liebe zu machen.

Die Butter: die Butter ist das sanfte Fett der lebenden Tiere. Von der Milch, der Nahrung der Kälber und Lämmer, wird der üppige Rahm abgeschöpft und zu jener verdickten Grundlage der Küche geschlagen, die den Geschmack und die Aromen der Kräuter und Gewürze am besten assimiliert. Sie verwandelt die wässrigen Speiseteile zu einem runden Geschmackskörper voll üppiger Poesie. Die Butter ist die emanzipierte und für das harte Leben adaptierte Muttermilch. Die Butter verbindet uns auf kunstvolle und elaborierte Weise mit dem lebendigen Tier. 

Die Schwarte: die Schwarte ist das Fett fürs Grobe. Es ist das Fett, das der Tod uns schenkt. Es ist schwer und intensiv, dem getöteten und aufgeschnittenen Tierleib entrissen und zu saftigem Braten im langesamen Feuer verkocht. Und wie jedes Fett ist auch das Schwartenfett der Träger des Geschmackes. Die Schwarte macht das Fleisch saftig und verleiht ihm Aroma. Schwarte, Schwein und Fett, seid willkommen am Tisch der Schlemmer und Trinker!




Illustration Katharina Ernst